KATHARINA RAZUMOVSKY Vor fast zehn Jahren zog ich nach Wien, ich war verheiratet und hatte vier kleine Kinder. Nein, ich will nicht mein Leben
erzählen, keine Angst, sondern nur den Anfang meiner Beziehung mit meinem jetzigen Freund, dem coolsten Mann der Stadt. Zu der Zeit, als ich ihn
kennenlerne, bin ich seit längerem geschieden, meine Kinder sind nicht mehr ganz klein, mein Freund ein fescher Jurist. Wir sind schon vier Jahre befreundet,
der Jurist und ich, und alles läuft prima, nur mir ist langweilig. Laangweilig. Dann lerne ich IHN kennen: groß, spindeldürr,
gelb-grüngefleckte Augen wie eine Echse. Und lustig. Ah nein, ich muss noch einmal anders beginnen. Rückblende: Meine Tochter Olga
ist 5 Jahre alt. Wir sind gerade nach Wien gezogen. Sie schreit ganz laut unten auf der Straße vor unserer Haustür, gerade unter meinem Fenster, weil
sie nicht mit dem Au-Pair Mädchen und ihren Geschwistern in den Park gehen will. Mein Mann, ich bin ja noch verheiratet, hält sich die Ohren zu und tut
so, als höre er nichts. Unsere Olga schreit MAMI! Auch ich höre nicht zu, da ich arbeiten will und mein Aupair - Mädchen schließlich auch zu
etwas gut sein soll. Es klingelt an der Wohnungstür. Und noch einmal. Ein schrilles Klingeln. Eine mir unbekannte lange dünne Frau steht in der
halbgeöffneten Tür und schaut böse. An ihrer Hand - Olga, mit Siegergesicht. „Sie haben Ihr Kind unten vergessen”, sagt die dünne
Frau mit säuerlicher Stimme. „Ich bringe es Ihnen wieder”. „Aber nein, entgegne ich, ich bin beim Arbeiten, das Aupair...”.
Mitten im Satz stoppe ich: Jetzt bin ich die schlechte Mutter, na toll! Und wo bin ich gelandet, in einer Stadt, in der jeder jeden belehrt! Die dürre
Frau ist noch viel böser, sie hat sich Dank erwartet. Fünf Jahre sehe ich sie immer wieder, denn sie wohnt mir gegenüber, und fünf Jahre
lang ignoriert sie mich komplett, auch wenn wir auf der Straße fast ineinander stoßen, oder wenn wir beide gleichzeitig unsere Kinder in dieselbe
Schule bringen, oder in einer Schlange beim Einkaufen stehen. Wir treffen uns ständig - sie sieht mich nicht. Und dann: der Krokodilsaugenmann ist ein
Freund des Juristen, Architekt und kommt aus geschäftlichen Gründen immer wieder zu Besuch. Merkwürdigerweise kriecht er dabei jedes Mal am Boden
herum, setzt sich aufs Wohnzimmer-Parkett und drückt sich ganz flach an die Zimmerwand. Auf der Architekturmesse steht bei der Eröffnung die dünne
Frau von gegenüber neben ihm: Wir werden vorgestellt, Edeltraud taut auf, sie entpuppt sich als fröhliche und herzliche Person, richtig zum lieb haben.
Von der Messe gehen Edeltraud und ich gemeinsam nach Hause, wir sind ja Nachbarinnen. Vis à vis, bons amis, sagt man auf Französisch. Wir
warten eine Weile auf unseren gemeinsamen Freund, den Krokodilsaugenmann, in den ich mich in der Zwischenzeit ein wenig verliebt habe, aber nur ein wenig, ich bin
ja liiert - trinken Tee, und weil das Warten erfolglos bleibt, essen wir bei Edeltraud zu Abend. Sie kocht ganz ausgezeichnet, und auch in den nächsten Tagen
und Wochen gibt es immer wieder etwas Gutes für uns alle. Wir werden Freundinnen. Ich finde es schön, so eine nette Nachbarin zu haben. Und in den
dürren Architekten bin ich mittlerweile mächtig verliebt, auch wenn ich sein Verhalten, wenn er mich besucht, weiterhin ziemlich eigenartig finde: Er
läuft zur Haustür, bleibt immer im Schatten, und auch in meinem Wohnzimmer bevorzugt er weiterhin die Bodennähe. Edeltraut und ich wachsen
zusammen zu einem echten Team. Und dann, urplötzlich, ist es AUS. Ich lehne bei Edeltraud aus ihrem Esszimmerfenster, sie hat wieder herrlich
gekocht, wir scherzen darüber, dass man von ihr genau in meine Wohnung sieht, und wir erzählen einander Seelengeschichten: Ich erzähle von dem Ende
meiner Juristen-Beziehung und davon, dass ich mich neu verliebt habe, sie mir von einem echten Schwein, das sie vor kurzem verlassen habe: MEIN
Krokodilsäugiger Architekt!!!!!! Ich gehe zurück in meine Wohnung und mache die Probe. Vom Sofa aus sieht man zu Edeltraud hinein. Vom der linken
Zimmerecke in ihr Schlafzimmer, vom Esstisch in ihre Küche. Wenn man auf dem Fußboden sitzt, ist man für Edeltraud unsichtbar. Auch in den Schatten
der Ecken. OK, verstanden! Seitdem sind wieder Jahre vergangen. Mein Misstrauen zu dem coolsten Mann der Welt ist mittlerweile gewichen, wir sind immer noch
ein Paar.. Bald sind zehn Jahre um seit meinem Umzug nach Wien. Ich gehe mit Olga die Straße herunter. Olga ist fast erwachsen. In 2- 3 Monaten ziehen wir
weg aus dieser Wohnung. Da sehe ich Edeltraut. Sie grüßt mich nicht. |