Elke Krasny
Was die Stadt mir mit gegeben hat, ist ihre Sehnsucht. Die Sehnsucht ist ansteckend. Sie verführt einen zu immer mehr, sie lässt die Stadt zu jenem
Sehnsuchtsort werden, an dem sich Leidenschaften und Phantasien, Forschungen und Untersuchungen, Projektionen und Imaginationen treffen. Die Stadt ist jenes
Gebilde, das heute schon ist, was es gestern nicht mehr war. Die Stadt ist jenes Gebilde, das Sympathie erweckt und Anonymität verspricht. Die Stadt ist jenes
Gebilde, das sich immer neu erfindet und sich dennoch treu bleiben kann. Die Stadt ist jenes Gebilde, das einem mehr zu lesen gibt, als das Auge reicht. In diesem
Kosmos der Vielstimmigkeit sehe ich die Stadt als Raum der Artikulationen zwischen Dissonanzen und Harmonien, zwischen Diskontinuitäten und Traditionen. Genau
dazwischen ist die Stadt am nächsten und am verwundbarsten: kurz am lebendigsten. Ich sehe die Stadt als Speicher der Zeiten, lebendig und doch
unnahbar, vertraut und doch ferne. Welche Traditionen in einer Stadt gelesen werden, ist eine Frage der Haltungen und der Politik. Ich lese Wien als eine Stadt der
Ankommenden. Das Ankommenkönnen ist eine Frage der Haltung derer, die schon angekommen sind. Haltungen sind eine Frage der Politiken und der Meinungen, der
Bildung und der Vorstellungen. Könnte die Stadt sich in historischen Distanzen anders lesen, würden sich ihre Nähen verschieben. Im Laufe des
19. Jahrhunderts wurde die Stadt mehr. Auch meine Vorfahren sind damals eingewandert. Tschechisch, jüdisch, ungarisch, mährisch, slowakisch, polnisch,
ruthenisch, ukrainisch, galizisch, slawonisch, rumänisch, kroatisch, italienisch, slowenisch ... Wie die Stadt mehr wurde, lässt sich im Heute
spüren, wo die Stadt wieder mehr zu werden versucht. Wie die Stadt mehr wurde, versucht das Heute aber auch gerade nicht spüren zu lassen, wo die Stadt
wieder mehr zu werden versucht. Ungarisch, polnisch, serbisch, koratisch, bosnisch, herzegowinisch, philipinisch, türkisch, chilenisch, kolumbianisch,
nigerianisch, albanisch, venezuelanisch, us-amerikanisch, deutsch, tschetschenisch, iranisch, russisch, irakisch, angolanisch, mexikanisch, vietnamesisch,
chinesisch, japanisch, lettisch, indisch ... Die Geschichten der Stadt liegen genau dort, in ihrer Heterogenität, ihre Spezifik der Diversität.
Ist die Stadt einem nahe, so steigen die Trauer, die Wut, die Melancholie und die Unzufriedenheit, dass die Stadt sich selbst nicht so nahe sein kann, wie sie es
als multiethnische Metropole transnationaler Lebensentwürfe sein könnte. Die Stadt kann ihre Sehnsüchte nicht leben, sie hindert sich selbst am
Ankommen im Heute. Es ist spürbar, dass die Stadt bei ihrem Heute noch nicht angekommen ist, obwohl es heute schon so ist, wie es gestern nicht mehr war. Aber
genau deshalb ist die Stadt für mich dennoch der Ort der Sehnsüchte geblieben. Nicht die kindliche Wiedererkennungsfreude des Gehabten begleitet die
erwachsenen Wege, sondern die Entdeckungslust an der Permanenz der Veränderung, die auch und gerade in allen Mikrospuren die großen Bewegungen von Welt
atmet. Genau deshalb gehe ich der Stadt nach und lese in ihrem Rhythmus, was sie zu sagen hat. Immer wieder. |