Kyoko
Adaniya-Baier Der Schrein ist ganz in der Nähe von unserem Haus. Früher war es ein Kinderparadies mit einer Sandkiste, und einer Schaukel, die
mich hoch in die Lüfte fliegen ließ. Aber das schönste daran war ein kleiner Berg mit vielen Bäumen. Dieser Berg war ein künstlicher. Die
Leute in der Edo-Zeit haben extra Erde hierher gebracht und aufgehäuft. 150m lang und 50m breit, vielleicht 30m hoch oder nur 10m ? Als Kind dachte ich, es
wäre ein riesiger Berg. Beim Eingang vom Schrein gibt es einen mächtig-großen Platz. Dort an der rechten Seite stand „mein”
Baum, auf dem ich immer von Ast zu Ast bis in den Himmel geklettert bin. Von dort aus habe ich sogar meine Schule und den Mount Fuji gesehen. Nach 5 Jahren
Auslandsstudium bin ich wieder in unser Viertel Yotsugi in Tokio zurückgekehrt. Es war kein Berg mehr da! Es war ein Symbol für uns alle, die
schönste Kindheitserinnerung von dort war weg. Wegen Geldmangel wurde der heilige Berg abgetragen und durch einen Parkplatz ersetzt! Und der alte kleine
Holzschrein wich einem Betonschrein! Trotz dieser Veränderung versucht der Schrein alte Traditionen weiter zu pflegen. Im Sommer gibt es zum Beispiel
das Totenfest. Das ist gar kein trauriges Ereignis. Im Gegenteil. Es werden die geliebten verstorbenen Verwandten wieder in diese Welt eingeladen um mit uns drei
Tage lang zu feiern. Es ist das bunteste und schönste Fest mit Volkstanz, großen Trommeln und viel leckerem Essen. Heuer habe ich nach langer
Zeit wieder Silvester/Neujahr mit meiner Familie in Tokio gefeiert. Nach 12 Uhr Mitternacht, haben wir Silvesternudeln gegessen und im Fernsehen die Glocken der
berühmten Tempel Japans 108 Mal klingen gehört. Dann hörten wir auf einmal Trommelgeräusche, die anscheinend von unserem Schrein kamen. Wir
drei Geschwister sind sofort zum Schrein gerannt. Oh schön! Vor dem Eingang funkeln zwei Fackeln in der dunklen Nacht. Wir bekommen heißen
süßen Reiswein, der unsere Hände und Herzen erwärmt. Wir schauen uns glücklich an. Seit 45 Jahren sind wir drei Geschwister wieder
zusammen bei Neujahr. Wir erinnern uns an die Kindheit, in der wir hier gespielt haben. TANKA Tanka (eine Gedicht-Form aus der Heian-Zeit, die mit den
Silben 57577 gebildet wird) (im Gegensatz zum Haiku 575) 1)
oomisoka kagaribimaitobu keidai ni imoto to susuru atsukiamazake
Bambusfackelfunkeln am Schreinplatz wo meine kleine Schwester und ich (heißen) Süßreiswein trinken 2)
Mangetsuno hikari kagayaku natsuzorani jasuminnioite nakichichiomou.
Im strahlenden Vollmond des Sommerhimmels Jasminduft und der Gedanke an meinen verstorbenen Vater. |